Trutzhain, ein etwa 840 Einwohner zählender Stadtteil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, zirka 55 km südwestlich von Kassel gelegen, hat eine in Deutschland wohl einzigartige Geschichte: Trutzhain wurde 1951 auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers, dem STALAG IX A Ziegenhain, gegründet. Das STALAG IX A ist das einzige Kriegsgefangenenlager, dessen Gebäude und Struktur sich trotz verschiedener Umwidmungen und der heutigen Nutzung der Baracken als Wohnraum erhalten hat: Etwa 80 Prozent der in Holzständerbauweise auf Ziegelfundamenten errichteten Fachwerkbaracken bilden den Ortskern von Trutzhain, der seit 1985 unter Denkmalschutz steht. Neben diesem aus etwa 30 Baracken bestehendem Ensemble bilden die beiden getrennt voneinander angelegten Friedhöfe integrale Bestandteile der neuen Gedenkstätte.
In den ersten Monaten nach Kriegsausbruch dienten Zelte zur Unterbringung der Kriegsgefangenen. Der Ausbau des Lagers mit Holzbaracken für die Wachleute und massiven Fachwerkbaracken als Kriegsgefangenen-Unterkünfte setzte im Frühjahr 1940 ein.
Grundriss des Lagers (vergrößerte Ansicht)
Der Grundriss dokumentiert die Aufteilung des STALAG IX A Ziegenhain von 1941-1945.
Das Lager erstreckte sich auf einem 47 ha umfassenden Gelände. Die axial verlaufende Lagerstraße teilte das STALAG in zwei beinahe gleich große Teile. Das STALAG wies folgende drei, deutlich von einander abgegrenzte Abteilungen auf:
| A1 und A6 | Hauptwache |
| A2 | Verwaltung |
| A3 | Kommandantur |
| A7 | Abwehr, Zensur, Dolmetscher |
| A8 | Pferdestall und Garagen |
| B2 | Kantine |
| B3 | Küche |
| B5 | Krankenrevier für Landesschützen |
| B14 | Offizierskasino, Schulungsraum |
| B | RAD-Baracken = Unterkünfte der diensthabenden Wachleute Versorgungseinrichtungen für das Stammpersonal |
| 6 | Freizeitbaracke der französischen Kriegsgefangenen |
| 8 und 9 | Krankenrevier |
| 14 | Schusterwerkstatt |
| 15 | Bad |
| 16 | Entlausungsanlage |
| 19 | Lagerküche |
| 11 | Schreibstube und Lagergefängnis |
| 12 | Kohlenschuppen und Werkstätten |
| 13 | Magazin |
| 18, 27, 28, 37, 41 | Latrinen für Kriegsgefangene |
| 73 | Leichenhalle |
| † | Kirche der französischen Kriegsgefangenen |
| M | Steinbaracken = Unterkünfte für die Kriegsgefangenen. |
Mit der Ankunft der ersten sowjetischen Kriegsgefangenen im Herbst 1941 wurden die hinteren vier Barackenreihen als „Russenlager“ vom Hauptlager abgetrennt. Italienische Militärinternierte – ab 1943 im STALAG Ziegenhain registriert – internierte man ebenfalls in diesem Lagerbereich.
Zur Straße hin schirmte ein hoher Bretterzaun das deutsche Vorlager ab; vom Hauptlager war es durch einen doppelten Stacheldrahtzaun getrennt. Den Lagerbereich für die Kriegsgefangenen sicherten zunächst ein doppelter, später ein dreifacher Stacheldrahtzaun und sechs mit Maschinengewehren bestückte Wachtürme.
Nach den Plänen des Oberkommnados der Wehrmacht von März 1939 wurden die Unterkunftsbaracken für Kriegsgefangene etwa 12 Meter breit und 60 Meter lang in normierter Bauweise errichtet. Einem Kriegsgefangenen standen 2,50 m² Grundfläche zu. In den Fachwerk-Baracken nächtigten die Kriegsgefangenen auf Strohpritschen, mit einer Decke versehen. Obwohl eine ausreichende Beheizung technisch möglich war, berichten ehemalige Kriegsgefangene immer wieder von großer Kälte in den Baracken, für deren Beheizung die wenigen Kanonenöfen unzureichend waren.
Für etwa 250 Personen vorgesehen, mussten die Baracken seit September 1943, als die Belegung zwischen 8.000 und 11.000 Gefangene schwankte, bis zu 800 Menschen aufnehmen. Die Steigerung der Kapazität erlangte man durch das Aufstocken der Betten oder durch Entfernen von Zwischenwänden und Spinden.
Plan einer Unterkunftsbaracke (vergrößerte Ansicht)
BA-MA Freiburg, RHD 4, 138/12: H.Dv. 38/12: Dienstanweisung über Raumbedarf, Bau und Einrichtung eines Kriegsgefangenenlagers, 14.3.1939, Planzeichnung für eine Unterkunftsbaracke (oben) und eine Lagerküche (unten).